Stillbirth muss man in der deutschen Extreme-Metal-Ecke eigentlich kaum noch vorstellen. Seit über zwei Jahrzehnten stehen die Hagener für eine Mischung aus Brutal Death Metal, Grindcore, Deathcore und Slam – und natürlich für die herrlich absurde Gegenwelt aus Badehose, Strandoptik und maximalem Geballer. Auf der Bühne funktioniert dieser Kontrast seit Jahren. Mit „Survival Protocol“ zeigt die Band aber einmal mehr, dass hinter dem ganzen Party-Wahnsinn auch musikalisch deutlich mehr steckt als nur der nächste Breakdown für den Pit.
Das Album erschien am 31. Oktober 2025 über Reigning Phoenix Music, bringt es auf neun Songs und rund 35 Minuten Spielzeit. Dabei knüpft „Survival Protocol“ direkt an die Geschichte von „Homo Deus“ an und setzt die mittlerweile recht ausufernde Sci-Fi-Endzeitwelt von Stillbirth fort.
Stillbirth – seit 1999 zwischen Abriss und Strandhose
Stillbirth wurden 1999 in Hagen von Lukas Swiaczny gegründet. Anfangs noch an der Gitarre und den Backing Vocals aktiv, wechselte er später komplett ans Mikro und ist bis heute der kreative Kopf hinter Musik und Texten. Die Band hat sich über die Jahre ihren eigenen Platz zwischen Death Metal, Grindcore, Deathcore und Slamming Death Metal erarbeitet und bezeichnet das selbst ziemlich passend als „Brutal Surf Death Metal“.
Die bunten Badeshorts sind längst Markenzeichen, aber musikalisch war Stillbirth nie nur Klamauk. Gerade die Entwicklung von „Global Error“ über „Annihilation of Mankind“, „Revive the Throne“ und „Homo Deus“ zeigt, dass die Band technisch immer weiter zugelegt hat. Dazu kommt eine enorme Live-Erfahrung: Stillbirth haben laut eigener Bandhistorie inzwischen mehr als 1.000 Shows in über 35 Ländern gespielt. Entsprechend ist vieles in den Songs so gebaut, dass man sich den nächsten Circle Pit oder die nächste Wall of Death direkt mitdenken kann.
Auf „Survival Protocol“ besteht die Band aus Lukas Swiaczny am Gesang, Leonard Thoma und Szymon Skiba an den Gitarren, Lukas Kaminski am Bass und Martin Grupe am Schlagzeug. Geschrieben wurden Musik und Texte von Swiaczny, Mix und Mastering übernahmen Demigod Recordings.
Vom Weltuntergang direkt ins nächste Problem
Inhaltlich ist „Survival Protocol“ ein richtiges Konzeptalbum. Nach dem Ende von „Homo Deus“ liegt die Erde praktisch in Trümmern. Die wahren Schöpfer der Menschheit haben sich als außerirdische Macht entpuppt und das Experiment Menschheit mehr oder weniger für gescheitert erklärt. Einige wenige Überlebende schaffen es von der Erde und treiben durch den Weltraum, bis sie schließlich auf einem neuen Planeten landen.
Natürlich folgt dort keine friedliche Neugründung der Zivilisation. Stattdessen wird das titelgebende Survival Protocol aktiviert: überleben, herrschen und alles beseitigen, was im Weg steht. Die Menschheit wird vom Gejagten wieder zum Jäger – und genau dieses Umschlagen von Verzweiflung in totale Gewalt passt ziemlich gut zum musikalischen Verlauf der Platte.
Mehr als nur Slam und Dauerfeuer
„Existence Erased“ eröffnet das Album mit einer bedrohlichen Sci-Fi-Stimmung, bevor Stillbirth ziemlich schnell alles niederwalzen. Massive Grooves, Blastbeats, technische Gitarren und die bekannten tiefen Growls bilden das Grundgerüst. Spannend wird es, wenn plötzlich eine saubere, fast flamencoartige Gitarrenpassage auftaucht. Solche Brüche ziehen sich immer wieder durch die Platte und sorgen dafür, dass aus 35 Minuten Brutalität nicht einfach nur ein einziger Betonklotz wird.
„Trapped in Darkness“ wirkt anschließend etwas düsterer und technischer. Hier gibt es mehr Melodie, schnelle Läufe und eine leicht melancholische Stimmung zwischen all den Blastbeats. Gerade solche Momente zeigen, wie weit sich Stillbirth inzwischen von einer reinen Slam-Schublade entfernt haben.
„Throne of Bones“ zieht die Schraube wieder an und verbindet hektische Passagen mit schweren Stop-and-Go-Riffs. „Apex Predator“ ist dagegen direkter gebaut und wirkt wie einer dieser Songs, bei denen man schon beim ersten Durchlauf weiß, dass er live ordentlich Schaden anrichten wird. Der Song muss nicht unnötig kompliziert sein – Groove, Druck und ein paar technische Ausbrüche reichen völlig.
Ein Höhepunkt ist für mich „Baptized in Blood“. Der Song beginnt mit akustischen Gitarren und einer fast sommerlichen, leicht lateinamerikanischen Stimmung, bevor die komplette Brutalität einsetzt. Die Melodie taucht später wieder auf und funktioniert erstaunlich gut zwischen Slam, Blastbeats und Soli. Genau hier kommt dieses eigenartige Stillbirth-Prinzip perfekt zusammen: Strand, völlige Eskalation und handwerklich richtig gutes Death-Metal-Riffing.
Danach macht „Cult of the Green“ kurzen Prozess. Knapp drei Minuten, deutlich stärker auf Slam und Groove ausgerichtet und ohne große Umwege. Inhaltlich stolpern die Überlebenden über die berauschende Pflanzenwelt des neuen Planeten – was bei Stillbirth natürlich irgendwann in einem Kult endet. Musikalisch ist das einer der simpelsten, aber vermutlich auch effektivsten Pit-Songs des Albums.
„Sacrificial Slaughter“ wird wieder dunkler und schneller. Ritualistische Atmosphäre, Blastbeats und schwere Riffs treffen am Ende erneut auf ruhigere Gitarren. Der Titeltrack „The Survival Protocol“ verzichtet dagegen größtenteils auf große Experimente und konzentriert sich auf rohe Gewalt, Slams und einen Refrain, der live ziemlich problemlos hängen bleiben dürfte.
Mit „Kill to Rule“ gibt es zum Abschluss noch einmal etwas mehr Luft. Der längste Song der Platte startet vergleichsweise ruhig und baut sich Stück für Stück auf. Bluesige beziehungsweise cleane Gitarren, Soli und die immer stärker werdende Rhythmussektion machen den Track zu einem gelungenen Finale. Gerade weil Stillbirth hier nicht sofort mit Vollgas starten, wirkt der spätere Abriss umso stärker.
Produktion und Gesamteindruck
Produktionstechnisch ist „Survival Protocol“ sehr modern und druckvoll. Die Drums sitzen messerscharf, der Bass bekommt genügend Platz und die Gitarren bleiben selbst in den schnelleren technischen Passagen gut nachvollziehbar. Lukas Swiaczny wechselt zwischen tiefen Growls, Pig Squeals, aggressiveren Schreien und einigen fast gesprochenen Momenten. Das sorgt für deutlich mehr Abwechslung, als man bei dieser Art von Musik zunächst vermuten könnte.
Ganz ohne Kritik kommt das Album trotzdem nicht davon. Stillbirth packen unglaublich viele Ideen in die Songs, und nicht jeder Übergang zwischen technischem Death Metal, Slam, Akustikparts und Grindcore wirkt komplett natürlich. Dazu kommt, dass sich einige der massiven Groove-Passagen bei mehreren Durchläufen etwas ähneln. Wenn alles permanent maximal schwer sein will, verliert der nächste tonnenschwere Breakdown zwangsläufig ein wenig von seiner Wirkung.
Auf der anderen Seite sind es gerade die Ausreißer, die „Survival Protocol“ spannend machen. „Baptized in Blood“, „Trapped in Darkness“ und „Kill to Rule“ zeigen eine Band, die ihre bekannten Zutaten nicht einfach nur wiederholt. Stillbirth bleiben brutal und völlig überdreht, geben den Songs aber mehr Melodie, Atmosphäre und technische Details als früher.
Tracklist
- Existence Erased
- Trapped in Darkness
- Throne of Bones
- Apex Predator
- Baptized in Blood
- Cult of the Green
- Sacrificial Slaughter
- The Survival Protocol
- Kill to Rule
Fazit
„Survival Protocol“ ist Stillbirth durch und durch, aber eben nicht Stillbirth auf Autopilot. Die Hagener liefern genug Slams, Blastbeats und Groove für die nächste komplette Eskalation, erlauben sich gleichzeitig aber wesentlich mehr melodische und technische Spielereien. Nicht jede Idee trifft gleich stark, doch langweilig wird die Platte praktisch nie.
Wer Stillbirth vor allem wegen ihrer Live-Shows kennt, sollte „Survival Protocol“ deshalb nicht nur als Begleitmaterial für den nächsten Moshpit sehen. Unter den Badeshorts steckt mittlerweile eine ziemlich vielseitige Extreme-Metal-Band. Und wenn Songs wie „Baptized in Blood“, „Cult of the Green“ oder „The Survival Protocol“ live losgetreten werden, dürfte von der entspannten Strandstimmung ohnehin nicht mehr viel übrig bleiben.
Mehr zum Album gibt es auf der offiziellen Bandcamp-Seite von Stillbirth.