Sagenbringer sind noch gar nicht so lange unterwegs, haben sich in der deutschen Folk- und Pagan-Metal-Ecke aber erstaunlich schnell einen Namen gemacht. Mit „Zwischen den Welten“ steht nun das dritte Studioalbum der Band im Raum – zwölf Stücke, gut 52 Minuten Spielzeit und ziemlich genau das, was der Titel verspricht: Geschichten zwischen Mythologie, Fantasie, Natur, Schlachtfeld und menschlichen Gefühlen.
Wer bei Folk Metal sofort an Trinkhörner, Met, Odin und Lagerfeuer denkt, bekommt davon auch hier genug geliefert. Das Entscheidende ist aber, dass Sagenbringer inzwischen deutlich mehr daraus machen als nur die üblichen Genrezutaten einmal durchzurühren. Nicht jeder Song trifft gleich stark, und an manchen Stellen ist das Pathos schon sehr dick aufgetragen. Aber „Zwischen den Welten“ wirkt insgesamt wie das Album einer Band, die inzwischen ziemlich genau weiß, wie sie klingen und auftreten will.
Von der ersten Sage bis zum dritten Album
Die Geschichte von Sagenbringer begann 2021. Gitarrist Skjomi stellte damals erste Folk-Metal-Ideen ins Netz, worauf Sänger Haldruhir aufmerksam wurde. Aus den ersten gemeinsamen Stücken entstanden schließlich Sagenbringer. Wenig später kamen Bassist Azaril und Schlagzeuger Trygve dazu. Mit „Blutmarsch“ und der ersten gemeinsamen Probe Ende 2021 war das Quartett komplett.
Das selbstbetitelte Debüt erschien bereits 2022. Danach folgte „Zeit der Geschichten“, und parallel wurde aus dem Studioprojekt recht schnell eine Liveband. Festivalshows, die Wolfsfest-Tour mit Varg und weitere Support-Slots brachten Sagenbringer vor ein Publikum, das mit dieser Mischung aus Folk, Pagan Metal und großen Refrains offensichtlich etwas anfangen konnte. Im Mai 2025 unterschrieb die Band schließlich bei NoCut Entertainment.
Mit „Zwischen den Welten“ folgt nun der nächste Schritt. Das Album erschien am 30. Januar 2026 über NoCut und wurde auch mit der ersten eigenen Headliner-Tour begleitet. Man merkt der Platte an, dass Sagenbringer mittlerweile nicht mehr nur Songs schreiben, sondern stärker in kompletten Bildern denken. Viele Refrains sind offensichtlich für die Bühne gebaut, gleichzeitig bekommen die einzelnen Stücke genug eigene Farbe, damit die 52 Minuten nicht komplett zu einer einzigen Pagan-Metal-Dauerhymne verschwimmen.
Zwischen Feuer, Eis und großen Refrains
„Feuer und Eis“ öffnet die Tür in diese Welt und steckt den Rahmen ab: Gegensätze, große Bilder und ein Arrangement, das direkt auf Atmosphäre setzt. Danach kommt mit „Valkyrensturm“ einer der Songs, bei denen sehr schnell klar wird, warum Sagenbringer live funktionieren. Das Stück ist direkt, rhythmisch nach vorne gedacht und besitzt einen Refrain, der kaum dafür geschrieben worden sein kann, still im Wohnzimmer konsumiert zu werden.
Das ist überhaupt eine der größten Stärken des Albums: Sagenbringer schreiben eingängig, ohne die Metal-Seite komplett gegen den Folk einzutauschen. Die Gitarren bleiben ordentlich präsent, Bass und Schlagzeug sorgen für Druck, während Melodien, Chöre und folkloristische Elemente darübergelegt werden. Das Ganze klingt modern und sauber, aber nicht so glatt, dass sämtliche Ecken verschwinden.
„Berserker“ bekommt durch die Beteiligung von Asenblut noch einmal etwas mehr Wucht. Der Titel verrät natürlich schon ungefähr, in welche Richtung es geht. Hier darf es martialischer werden, ohne dass Sagenbringer ihre eigene Handschrift verlieren. Direkt danach wirkt „Freie Vögel“ leichter und zugänglicher. Statt göttlicher Schlachtordnung steht stärker das Thema Freiheit im Mittelpunkt – natürlich weiterhin in einer Form, die auf einem Festival sehr schnell ein paar hundert Kehlen zum Mitsingen bringen dürfte.
Die Platte wird in der Mitte interessanter
Richtig spannend wird „Zwischen den Welten“ für mich dort, wo die Band den sicheren Hymnenkurs etwas verlässt. „Bei Vollmond“ bringt eine dunklere, nächtlichere Stimmung hinein, während „Zwielichtkarneval“ deutlich verspielter wirkt. Gerade letzterer hebt sich durch seine schrägere, fast schon düster-jahrmarktartige Atmosphäre angenehm vom Rest ab. Solche Stücke tun der Platte gut, weil sie zeigen, dass Sagenbringer nicht ausschließlich aus Schlachtrufen und erhobenen Trinkhörnern bestehen müssen.
„Walpurgisnacht“ schlägt anschließend wieder stärker in die offensichtliche Folk-Metal-Kerbe. Feuer, Tanz, Mystik – das ist Genreterrain, auf dem schon sehr viele Bands unterwegs waren. Sagenbringer erfinden hier nichts neu, setzen es aber so konsequent um, dass der Song innerhalb des Albums funktioniert. Wer grundsätzlich nichts mit dieser Art Folk Metal anfangen kann, wird ausgerechnet hier allerdings kaum bekehrt werden.
Mit „Freya“ kommt ein weiterer wichtiger Farbtupfer. Gaststimme Nissara bringt klaren weiblichen Gesang in die Platte und sorgt damit für einen hörbaren Kontrast zu Haldruhirs markanter Stimme. Gerade weil Sagenbringer ansonsten sehr konsequent bei ihrem eigenen Klangbild bleiben, fällt diese Kombination positiv auf.
„Der stete Tropfen“ nimmt sich Zeit
Mein stärkster Moment liegt aber eher danach. „Der stete Tropfen“ ist mit über sechs Minuten der längste Song der Platte und nimmt sich deutlich mehr Zeit als die meisten anderen Stücke. Statt möglichst schnell den nächsten Refrain auszupacken, darf sich das Stück entwickeln. Ruhigere Passagen und kräftigere Abschnitte greifen ineinander, und auch inhaltlich wirkt das Ganze bodenständiger und menschlicher als so manche Göttergeschichte davor.
Genau solche Momente zeigen, wo Sagenbringer künftig noch stärker werden könnten. Die Band kann die großen, leicht zugänglichen Festivalnummern – daran besteht nach drei Alben kaum noch Zweifel. Interessanter wird es aber immer dann, wenn sie dieses Grundgerüst aufbrechen und den Geschichten etwas mehr Raum geben.
„In Odins goldener Hall“ bringt anschließend noch akustische Gitarren in den Mix und verbindet sie mit der bekannten nordischen Bildsprache. Danach zieht „Götterdämmerung“ den epischen Teil noch einmal hoch, bevor „Ein goldener Morgen“ das Album instrumental auslaufen lässt. Der Abschluss fühlt sich dadurch weniger nach abruptem Ende und mehr nach einem kleinen Nachwort zur Reise an.
Nicht alles muss subtil sein
Man sollte bei diesem Album allerdings wissen, worauf man sich einlässt. Sagenbringer arbeiten nicht mit versteckten Andeutungen. Wenn es um Valkyren, Freya, Odin oder die Götterdämmerung geht, dann wird das auch so benannt. Das Cover mit Weltenbaum, Feuer, Eis und verschiedenen Sphären macht ebenfalls keinen Versuch, Minimalismus vorzutäuschen.
Das kann stellenweise etwas viel sein. Gerade wenn mehrere Stücke hintereinander auf große Chöre, nordische Motive und hymnische Refrains setzen, verschwimmen die Grenzen. Wer in diesem Genre ohnehin schnell Allergie gegen Pathos bekommt, wird auch auf „Zwischen den Welten“ genug Angriffspunkte finden.
Auf der anderen Seite ist genau diese Konsequenz auch Teil der Stärke. Sagenbringer versuchen nicht, irgendeiner vermeintlichen Coolness hinterherzulaufen. Die Band steht zu ihrer Sagenwelt und zieht das Konzept durch. Und im Vergleich zu den ersten Veröffentlichungen wirkt das Songwriting mittlerweile deutlich fokussierter.
Tracklist
- Feuer und Eis
- Valkyrensturm
- Berserker feat. Asenblut
- Freie Vögel
- Bei Vollmond
- Zwielichtkarneval
- Walpurgisnacht
- Freya feat. Nissara
- Der stete Tropfen
- In Odins goldener Hall
- Götterdämmerung
- Ein goldener Morgen
Fazit
„Zwischen den Welten“ ist kein Album, das Folk und Pagan Metal neu erfindet. Das muss es aber auch gar nicht. Sagenbringer liefern ein sehr geschlossenes drittes Album ab, das vor allem über starke Melodien, große Refrains und seine klare erzählerische Identität funktioniert.
Die stärksten Momente entstehen für mich dann, wenn die Band ein wenig aus dem erwartbaren Schema herausgeht: „Zwielichtkarneval“, „Freya“ und besonders „Der stete Tropfen“ geben der Platte zusätzliche Tiefe. Gleichzeitig stehen mit „Valkyrensturm“, „Berserker“ und „Freie Vögel“ genug Stücke bereit, die live wahrscheinlich sofort funktionieren.
Wer Folk Metal am liebsten rau, bitterböse und ohne große Refrains hört, dürfte hier falsch sein. Wer dagegen auf Pagan Metal mit Geschichten, viel Melodie, ordentlichem Druck und einer gehörigen Portion Pathos steht, sollte Sagenbringer inzwischen definitiv auf dem Zettel haben. „Zwischen den Welten“ zeigt eine junge Band, die ihren Stil gefunden hat – und jetzt anfangen kann, innerhalb dieses Stils noch mutiger zu werden.
Sagenbringer – Zwischen den Welten
Veröffentlichung: 30.01.2026
Label: NoCut Entertainment / SPV
Genre: Folk Metal / Pagan Metal
Spielzeit: ca. 52:45 Minuten
Sagenbringer – offizielle Webseite
Sagenbringer bei NoCut Entertainment